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Roland Barthes

    1934-1939: Philologiestudium an der Sorbonne

    nach 1946: literaturkritische Artikel für verschiedene Tageszeitungen

    1947 (Bukarest), 1949 (Alexandria): Lektorenstellen

    ab 1950: Arbeit in der Kulturabteilung des Außenministeriums und am CNRS

    1960: Wechsel an die École Pratique des Hautes Étude

    ab 1977: Professor für Semiologie am Collège de France



Le degré zéro de l’ecriture (1953) markiert B.s Eingriff in die Theoriedebatten des intellektuellen Nachkriegsfrankreichs. Im Sinne eines écrivain engagé setzt er sich mit der Geschichte der sprachlichen Zeichen auseinander, die das gesellschaftliche Engagement des Künstlers zum Ausdruck bringen. Begriffe wie solidarité, choix und engagement – untrennbar mit dem Sartreschen Existentialismus verbunden – werden auf die Bedeutungsebene der écriture übertragen. B. situiert sich somit im literatursoziologisch argumentierenden Bereich der nouvelle critique.
Die Beschäftigung mit dem frz. Historiker Jules Michelet in Michelet par lui-même (1954) offenbart keine weiteren literaturhistorischen Untersuchungen zur Entwicklungsgeschichte des Schreibens. Im Rückgriff auf Elemente der Psychoanalyse und der critique thématique (Bachelard) setzt die Analyse wesentlich mehr an Michelets Stil an.

B.s Schreibmodell der écriture courte setzt sich auch in Mythologies (1957) - entstanden aus den in Zeitschriften publizierten „Mythen des Alltags“ – fort. Diese strukturalistisch fundierte Analyse der französischen Gesellschaft und deren Mythen, das Aufdecken ihrer Funktionsweisen mittels der Semiologie, lässt B. ein weiteres Gebiet der nouvelle critique der 50er Jahre besetzen.

Die universitäre Kritik und das Bestreben, B. ideologisch unveränderlich zu positionieren, findet in Sur Racine (1963) und Essais critiques (1964) eine Antwort, die durch Critique et vérité (1966) polemisch untermauert wird. Critique et vérité erscheint als Verteidigung "neuer diskursiver Formen" gegen die ancienne critique, gegen eine positivistische Literaturwissenschaft. B. spricht darin für eine Vielzahl heterogener Ansätze und deren Vertreter ( Lévi-Strauss, Lacan, Marx, Freud, Nietzsche). Auch wird die Nähe zum avangardistischen Kreis um Philippe Sollers' literaturtheoretische Zeitschrift Tel Quel (J. Derrida, J.Kristeva) und zu narratologischen Positionen (Bremond, Greimas, Genette) deutlich.
Eine konzentrierte Darstellung seiner strukturalistischen semiologischen Forschung gibt B. in Eléments de sémiologie (1964); auch sein Systè me de la mode (1967) bietet eine strukturale Analyse bezogen auf die Übersetzung von Kleidung in Sprache.

Vom dogmatischen Zeichenmodell de Saussures löst sich B. spätestens in seinem vieldiskutierten Essay La mort de l’auteur (1968). Seine textheoretischen und semiologischen Überlegungen radikalisieren die Mehrdeutigkeit und Offenheit des Textes und gipfeln im Auflösen des Subjekts im von ihm geschaffenen Textgewebe.

Auslandsaufenthalte in Marokko, den USA, China und Japan tragen Früchte in Form der erst 1987 veröffentlichten Incidents (1969) und dem Japan- Buch L’Empire de signes (1970).

B. greift auf seine écriture courte zurück, auch in S/Z (1970), das weniger als strukturalistische Analyse der Novelle Balzacs zu lesen ist, denn als Gewebe von kurzen Textsequenzen, entstanden aus der Interaktion der B.schen Lektüre mit dem Text Balzacs.

Lektüre als Rezeption ist selbst textproduzierend, sinnentfaltend, wie auch Sade, Fourier, Loyola (1971) als intertextuell entstandener Text zeigt. B. streut den drei Logotheten (Sprachenbegründer) die Biographeme eines fiktiven Lesers ein und kreiert in ihrem Dialog eine eigene Terminologie, wird selbst zum Sprachenbegründer. B. spielt mit dem Signifikanten, verschiebt die verwendete Begrifflichkeit und befreit ihn damit vom Referentiellen. B. nähert sich somit dem schreibbaren modernen Text.

In Form von aphoristischen Fragmenten folgt Le plaisir du texte (1973) weiter dem Konzept des friktionalen Schreibens. Zudem setzt B. die Verbindung von Körper zu Text, wobei er in seiner "Körperlogik" den Fokus auf den "phonotextuellen" Bereich richtet und das Ohr zum "Lustort" (Ette, S. 368) bestimmt. Seine Erweiterung des Textbegriffs lässt ihn den Weg aus Tel Quels Textualitätsdogma beschreiten.

Die zunehmende Gewichtung der Körperlichkeit innerhalb B.s Ästhetik zeigt sich auch in seiner autobiographischen Fiktion R.B. par R.B. (1975). Während er mit den Gattungen Autobiographie und Biographie spielt, sucht er sein Schaffen zu periodisieren und vollführt eine metatextuelle Strukturanalyse seiner eigenen Schriften.

Diese imaginierte Subjektivität bildet auch die Basis für den Bestseller Fragments d’un discours amoureux (1977): Das (sprechende) Subjekt, der Liebende, vergegenwärtigt dabei heterogene Bezugspunkte ("Figuren", "Argumente") eines Liebesdiskurses. Dieser systematisiert nicht das Leseverfahren, er ermöglicht ein wandelbares Beziehungsgeflecht der gesetzten 'Koordinaten'.

B.s letztes Buch, La chambre claire (1980), weist - auch mittels der enthaltenen Photographienreihe - auf die entstandene zentrale Leere hin, die die Auflösung des Subjekts (des Autors) im Text zurück lässt. Sie wird assoziiert mit der Moderne. Der moderne Text entsteht durch Fragmentierung und kontinuierliche Dekonstruktion.



Seit den 50er Jahren genoss B. einen internationalen Bekanntheitsgrad und bildete einen entscheidenden Bezugspunkt zur postmodernen Theoriebildung in den 70er Jahren. Seine literaturkritischen und kulturtheoretischen Ansätze und sein unorthodoxes Spiel mit literarischen Texten und dem Metatext beeinflussten viele Autoren bis in die Gegenwart.


Quellen
- Barthes, R.: Œuvres Complètes. 3 Bde. Paris 1993-1995
- Culler, J.: Roland Barthes. Oxford 1983
- Röttger-Denker, G.: Roland Barthes zur Einführung. Hamburg 1997
- Henschen, H.-H. (Hg.): Roland Barthes. München 1988
- Ette, O.: Roland Barthes oder ein Weg der Moderne in der Postmoderne. Frankfurt a.M. 1998

(A.S.)