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Ferdinand de Saussure

    1875/76: S. studiert aus Familientradition Physik und Chemie an der Universität Genf, aber nur zwei Semester.
    1876: Aufnahme in die Société Linguistique de Paris.
    1876 - 1880: Studium der Philologie an der Universität Leipzig.
    1881 - 1891: S. unterrichtet Gotisch und Althochdeutsch an der École des Hautes Etudes in Paris. Außerdem seit 1882 Secrétaire adjoint an der Société Linguistique de Paris, mehrere Auszeichnungen.
    1891 - 1896: S. folgt einem Ruf an die Universität Genf als außerordentlicher Professor für “Geschichte und Vergleich der indogermanischen Sprachen”.
    1896: Ernennung zum ordentlichen Professor für “Geschichte und Vergleich der indogermanischen Sprachen”. Zehn Jahre ist sein Forschungsschwerpunkt Geschichte und Vergleich der griechischen und lateinischen Grammatik, außerdem Sanskrit.
    1906 - 1912: Ordinarius für “Allgemeine Linguistik, Geschichte und Vergleich Indoeuropäischer Sprachen”. Seine Forschungen weiten sich auf Anagrammstudien und allgemeine Linguistik aus, vor allem Phonologie und Phonetik des Französischen.


Der Cours de linguistique générale ist das bekannteste - und bedeutendste – Werk Saussures. Dabei hat er ihn nie geschrieben.
Zeit seines Lebens beschäftigt sich S. mit den indogermanischen Sprachen, schreibt bereits im Alter von 15 Jahren für seinen Nachbarn und sein Vorbild Adolphe Pictet einen Aufsatz über ein allgemeines Sprachsystem. Darin versucht S. die Ursprünge des Griechischen, Lateinischen und Deutschen auf wenige gemeinsame Wurzeln zurückzuführen. Durch Systematisierung von Lautgruppen versucht er seine These zu beweisen. In reiferem Alter sieht er seine Versuche als Spielerei an. Allerdings begleitet ihn die Grundidee bis zu den bekannten Anagrammstudien.

Mit Mémoire sur le système primitif des voyelles dans les langues indo-européennes veröffentlicht S. sein wichtigstes indogermanisches Werk, ein Jahr vor seiner Dissertation. Das Mémoire wird von Zeitgenossen äußerst kritisch beurteilt, gilt inzwischen aber als Anstoß für wichtige Folgerungen seiner Nachfolger, wie Hjelmslev, Möller und Kurylowicz. S. liefert mit dieser Arbeit den Höhepunkt der historisch-vergleichenden Grammatik und gibt zum ersten Mal eine umfassende Darstellung des indoeuropäischen Vokalsystems. Dabei überwindet er die bisher vorherrschenden Leipziger Junggrammatiker, indem S. von einer vereinzelten, atomisierenden Betrachtung der Vokale zu einer Systematisierung des Vokalschatzes übergeht. Er zeigt dabei Ansätze für eine später weiterentwickelte Laryngaltheorie (Kehlkopflaut-Theorie) auf.
Die herausragende Erkenntnis des Mémoire war die theoretische Annahme des coefficient sonatique, dem lautlichen Koeffizienten. Durch seine Überlegungen konnte S. alle Ablauterscheinungen auf einen einzigen Grundvokal und seine Ablautstufe zurückführen und dadurch ein regelmäßiges Modell des indoeuropäischen Vokalismus erstellen. Später wurde S. lautlicher Koeffizient durch das hethitische h von Kurylowicz nachgewiesen und nach Möller als schwa indogermanicum bezeichnet.
Die Promotion über den absoluten Genitiv im Sanskrit macht ihn zum Doktor der Philosophie summa cum laude. De l‘emploi du génitif absolu en sanscrit bleibt aber hinter dem Mémoire zurück und findet wenig Beachtung. Diese beiden Schriften sind S. einzige geschlossene Veröffentlichungen.

Die Abhängigkeit seiner Theorien von Opposition und Identität wird in seinen frühen Schriften nicht ausformuliert, kommt jedoch nachhaltig zum Tragen in seiner systematisierenden Vorgehensweise. Volle Geltung erhält sein Denken erst in seinen drei Vorlesungen zur allgemeinen Linguistik. Seine Vorträge in den Jahren 1906/07, 08/09 und 10/11 bilden die Grundlage für den Cours de linguistique générale. Basierend auf Vorlesungsmitschriften von Studenten erarbeiteten Charles Bally und Albert Sechehaye 1916 die Theorien, die für die heutige Linguistik und Semiotik wegweisend sind. Sie geben das Buch unter dem Namen Ferdinand de Saussure heraus.
Bestechend sind in der Theorie S.s die vier Oppositionen von Signifikant und Signifikat, Langue und Parole, Synchronie und Diachronie, Syntagmatik und Paradigmatik. Aus dem letzten Gegensatz ergibt sich für S. der wichtige Begriff valeur, der Wert eines sprachlichen Zeichens. S. begründet mit seiner Sprachwissenschaft die synchronische Betrachtung der Sprache neu. Durch seine Abkehr von der rein historisch vorgehenden, diachronen Methode und der Hinwendung zur Systematisierung des Sprachzustandes, erhält die moderne Linguistik ein neues Forschungsinteresse. In der Semiotik sind durch sein nichtrepräsentationales Zeichenkonzept vor allem die Arbitrarität der Sprache und der damit verbundene Kode in das Zentrum des Forschungsinteresses gerückt.

Die Rezeption des Cours darzustellen fällt wegen der enormen Wirkung auf die Sprachwissenschaft schwer – er ist das meist zitierte sprachwissenschaftliche Werk und wirkt bis heute auf die Linguistik und den Strukturalismus. Die Kritik an der Theorie des Cours beschränkt sich nicht allein auf inhaltliche Probleme, wie die darin angelegte Postulierung eines Zwei-Welten-Modells, die S. durch die Unterscheidung von Sprache und Sprechen vornimmt. Die Kritik setzt sich auch mit dem Entstehungszusammenhang des Cours auseinander. Den Herausgebern Bally und Sechehaye wird vorgeworfen einen fiktiven S. erschaffen zu haben, da sie sich nicht mit dem Denken des historischen S. auseinandergesetzt und seine eigenen, handschriftlichen Unterlagen vernachlässigt haben. S. selbst hat in mehreren Anmerkungen in seinen Unterlagen auf die Unvollkommenheit und die Mängel seiner Theorie hingewiesen und sie wahrscheinlich deswegen nicht veröffentlicht.

(M.D.)