Navigationsweiche Anfang

Navigationsweiche Ende

Gilles Deleuze

    1944-1947: Philosophiestudium an der Sorbonne (Paris), Diplôme d'Etudes Superieures (Abschlussarbeit) über David Hume

    1957-1960: Assistent für Philosophiegeschichte an der Sorbonne

    1960-1964: Mitarbeiter am CNRS (Centre national de la recherche scientifique)

    1964-1969: Lehrbeauftragter an der philosoph. Fakultät von Lyon

    1968: Thèse d'Etat (Habilitation) mit Differenz und Wiederholung (différence et répétition) und Spinoza und das Problem des Ausdrucks in der Philosophie (Spinoza et le problème de l'expression)

    1969-1987: Professor an der Reformuniversität Paris VII. in Vincennes (später Saint Denis)

Als D. 1969 seine Professur in Vincennes antritt, kommt er an eine Universität, die als Folge der Mai-Unruhen 1968 entstanden ist und an der Interdisziplinarität im Vordergrund steht. Nach einer Auseinandersetzung Ds. mit dem Strukturalismus (als Vorbilder sind Althusser, Lacan und Barthes zu nennen) folgt eine Hinwendung zum Poststrukturalismus. Dazu trägt die Zusammenarbeit mit Lyotard, Foucault, Châtelet und Cobard wesentlich bei. Ds. Œuvre umfasst unter anderem philosophische Arbeiten zu Bergson, Nietzsche, Kant, Spinoza und Leibniz, aber auch literaturtheoretische Arbeiten zu Proust, Sacher Masoch, Kafka, Bacon und Beckett.

In erster Linie ist D. jedoch bekannt für Capitalisme et schizophrenie, eine gemeinsam mit dem Psychiater Félix Guattari verfasste Arbeit. Dieses Werk teilt sich in zwei Bände: l'Anti- Œdipe (1972) und Mille Plateux (1980). Der erste Band basiert auf einer poststrukturalistischen Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse: Der Lacan- Schüler D. kritisiert hauptsächlich die Rolle der Psychoanalyse bei der (kulturellen) Ödipalisierung des Subjekts und die totale Versprachlichung des Unbewussten.[1] Stattdessen gleicht das von D. und Guattari herausgestellte Unbewusste einer Maschine, die sich der Ödipalisierung über "Fluchtlinien" entzieht. Zu diesem Begriff der Fluchtlinien kommen in Mille Plateux noch weitere Begriffe: Mannigfaltigkeit, Linien, Schichten, Gefüge, De- bzw. Reterritorialisierung, Kartographie und das Rhizom: Im Gegensatz zur hierarchischen Baumstruktur[2] , die bisher Welt und Wissenschaft ordnendes Prinzip gewesen war, kreieren D. und Guattari diesen letzteren Begriff, um ein netzwerkartiges System darzustellen, in dem jede Linie mit jeder anderen verbunden ist und sich ein System in dem Moment, in dem es sich konstituiert, auch bereits wieder auflöst. All diese Begriffe haben gemeinsam, dass sie asignifikant und asubjektiv sind. Das Rhizom ist ein offenes System, das an jeder beliebigen Stelle unterbrochen werden kann und sich an seinen eigenen oder an anderen Linien wieder fortsetzt. So befindet es sich in stetiger Umstrukturierung und Veränderung, produziert Unbewusstes, statt es zu reproduzieren. Es verbindet Mannigfaltigkeiten (= Plateaus) untereinander, sodass ein dezentrales Wurzelgeflecht entsteht und sich ausbreiten kann. Das Plateau wiederum ist weder Anfang noch Ende, sondern immer eine Mitte: ein Prozess des "Werdens" (worunter zum Beispiel nomadische und schizophrene Strukturen fallen).
Diese Rhizomatik entwickelt D. in seinen späteren Werken weiter: sowohl in seinen philosophischen Studien (z.B.: Die Falte. Leibniz und der Barock.) als auch in seinen literatur- und kunsttheoretischen Schriften.

Ebenfalls zu erwähnen sind Ds. Schriften zum Film (Cinema-11: L'image-mouvement, 1983; Cinema-2‚ L'image-temps, 1985), in denen er seine Filmanalyse mit einer Untersuchung verschiedener Texte von Bergson und Peirce verknüpft. Nach dem Tod Félix Guattaris 1992 und bei gleichzeitiger Verschlechterung Ds. Gesundheitszustandes erscheinen nur noch wenige Arbeiten Ds., die alle mehr oder weniger einen Rückblick auf die bereits geleistete Arbeit darstellen.

Auswahlbibliographie:
Nietzsche et la philosophie. Paris 1962 (Nietzsche und die Philosophie. Frankfurt/M. 1985).
La philosophie critique de Kant. Paris 1963 (Kants kritische Philosophie. West- Berlin 1990).
Marcel Proust et les signes. Paris 1964 (Proust und die Zeichen. Berlin 1993).
Le bergsonisme. Paris 1966 (Bergson zur Einführung. Hamburg 1989).
mit Felix Guattari: L' Anti- Œdipe. Capitalisme et schizophrenie. Paris 1972 (Anti- Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I. Frankfurt/M. 1977).
mit Felix Guattari: Kafka - Pour une littérature mineure. Paris 1975 (Kafka. Für eine kleine Literatur. Frankfurt/M. 1976).
mit Felix Guattari: Mille Plateux. Capitalisme et schizophrenie. Paris 1980. (Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II. Berlin 1992).
Le pli. Leibniz et le baroque. Paris 1988 (Die Falte. Leibniz und der Barock. Frankfurt/M. 1996).
mit Felix Guattari: Qu'est-ce que la philosophie? Paris 1991 (Was ist Philosophie? Frankfurt/M. 1996).

Forschungsliteratur:
Balke, Friedrich: Gilles Deleuze. Frankfurt/ New York 1998.
Habermas, Jürgen: Der philosophische Diskurs der Moderne. Frankfurt/M. 1988.
Jäger, Christian: Gilles Deleuze. Eine Einführung. München 1997.
Rölli, Marc: Gilles Deleuze. Philosophie des transzendentalen Empirismus. Wien 2003.

(R.R.)

 

 

[1] Siehe J. Lacan: Das Drängen des Buchstabens im Unbewussten oder die Vernunft seit Freud. In: Jacques Lacan: Schriften II. Olten 1975, S. 15-55.
[2] Siehe u. a. N. Chomskys Schema des syntagmatischen Baumes, der, von einem Punkt S ausgehend, durch Dichotomien erweitert wird. (vgl. Deleuze, Gilles und Felix Guattari: Das Rhizom. In: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II. Berlin 1992, S. 12-42: 14).