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Michel Foucault

    1946 – 1950
    Studium der Philosophie und Psychologie an der École normale supérieure in Paris: Schüler und Freund von Louis Althusser.

    1950 – 1958
    Dozent in Frankreich und Schweden.

    1958
    Direktor des Centre Français der Universität Warschau.

    1959
    Direktor des Institut Français in Hamburg.

    1960 – 1966
    Privatdozent und Professor für Psychologie und Philosophie an der Universität Clermont-Ferrand.

    1970 – 1984
    Professor für Geschichte der Denksysteme am Collège de France.

     

Michel Foucaults Philosophie beeinflusste v.a. den Poststrukturalismus, den New Historicism und die Kulturwissenschaft. F. selbst bezeichnet seine Studien als kritische Geschichte des Denkens. Er gilt als Begründer der Diskursanalyse; seine Analyse umfasst Wissensdiskurse wie Psychologie, Medizin oder Humanwissenschaften. In den 1960ern beschäftigt F. sich schwerpunktmäßig mit der Archäologie von Diskurs- und Wissensformationen, d.h. der Rekonstruktion von Ausschlussmechanismen der Diskurse. Seine Doktorarbeit „Folie et déraison. Histoire de la folie à l’âge classique“ (1961) beschreibt die Differenzierung von Wahnsinn und Vernunft als Ergebnis eines historischen Prozesses seit der Klassik. Wahnsinn entwickelt sich als ausgeschlossenes Anderes der Vernunft, so dass diese absolut gesetzt werden kann. „Les mots et les choses. Une archéologie des sciences humaines“ (1966), das F.s Bekanntheit auf internationaler Ebene begründet, wendet sich vom Beschreiben des Anderen, des Wahnsinns, der Analyse des Gleichen, der Vernunft, zu. F. kritisiert die Geschichte des westlichen Denkens als Ablösung verschiedener epistemologischer Ordnungsstrukturen. Bis zum 16. Jahrhundert beruht die Erkennbarkeit der Welt auf dem Ähnlichkeitsprinzip. Zeichen und Dinge sind austauschbar. Seit dem 17. Jahrhundert löst sich dieser Bezug. Die Eintracht von Sprache und Welt geht verloren. Die Dinge werden in Abbildern repräsentiert. Sie sind Elemente eines künstlichen Zeichensystems, das immer noch als Spiegel der Natur fungiert. In der Moderne verliert das Zeichen seine Transparenz. Die Repräsentation repräsentiert sich selbst. Sprache, Leben und Arbeit erscheinen als transzendentale Bedingungen, die die Selbsterkenntnis des Menschen erst ermöglichen. Der 'Mensch' entsteht als Episteme. In diesem Kontext entwickeln sich die Humanwissenschaften. F. dezentriert das anthropozentrische Weltbild der westlichen Gesellschaft, indem er die humanistische Vorstellung vom Subjekt als Ursprung von Wahrheit und Erkenntnis negiert. Er entlarvt Subjektivität als Produkt diskursiver Praktiken.

In „L'Archéologie du savoir“ (1969) stellt F. Wissenschaft als Sonderform einer diskursiven Formation dar und beschreibt, wie Wissen in Wissenschaft transformiert wird. Wahrheit und Macht fungieren als Formationsregeln von Diskursen. Der historische Wandel wird durch unterschiedlichen Gebrauch von Diskursregeln und allmählichen Bedeutungswandel erklärt.

Ein für die Literaturwissenschaft wegweisender Angriff auf die Vorstellung vom autonomen Individuum formuliert F. im Aufsatz „Qu‘est-ce qu‘un auteur?“ (1969). Hier entwirft er wie der mit ihm befreundete Roland Barthes in „La mort de l’auteur“ das Konzept vom Autor als Funktion.       Beide betonen, dass sich die Stellung des Autors historisch immer wieder verändert hat. Die Autorfunktion organisiert und kategorisiert Texte im Hinblick auf Biographie und Psychologie des Autors. F. sieht im Autor nunmehr keine autonome Textquelle, sondern ein Produkt aus gesellschaftlichen Diskursen und Konventionen seiner Zeit und Kultur. Dieses Konzept steht im Kontext von F.s Fokus auf die Kritik an der Subjektphilosophie, die sein Denken in den 1960ern bestimmt.

1970 wird F. an die renommierteste französische Hochschule, das Collège de France berufen, wo er bis 1984 lehrte. 1971 wird F. zum Mitbegründer der "Groupe d'Information sur les Prisons" (1971-1973). Vor allem in den 1970ern engagiert sich F. politisch oftmals zusammen mit anderen linken, französischen Intellektuellen wie Gilles Deleuze, Jean-Paul Sartre oder Jean Genet.

In den 1970ern rückt der Machtbegriff in das Zentrum von F.s Denken. Stark beeinflusst von Friedrich Nietzsche, der neben Martin Heidegger der einflussreichste Vordenker für F.s Philosophie ist, entwirft F. eine Genealogie der Macht. Er vertritt hierbei einen positiven Machtbegriff. Macht ist dezentralisiert und depersonalisiert. Macht ist produktiv, da sie die gesellschaftliche Realität formt. Wie die Mikrophysik der Macht das moderne Individuum konstruiert, behandelt F. in „Surveiller et punir“ (1975). Er beschreibt, wie der menschliche Körper durch Institutionen wie Gefängnisse, Schulen oder die Armee diszipliniert wird. Die Institutionen sind Artikulationen von gesellschaftlicher Macht. Diskurse werden zu Spielbällen der Machtverhältnisse. F. konstruiert den Macht/Wissen-Komplex. Wissen und Macht stehen in reziproker Abhängigkeit. Im Anschluss an Nietzsche negiert F. die Vorstellung von einer objektiven und ewigen Wahrheit und beschreibt Wissen als veränderbares Produkt von Machtbeziehungen.      In „La volonté de savoir“ (1976), dem ersten Band seines Werkes „Histoire de la sexualité“ beschreibt F., wie Sexualität zum Gegenstand des Wissens wurde und untersucht anhand des Dispositivs Sexualität Diskurspraktiken zur Wissensformation. Er entschlüsselt das Verhältnis von Wissen, Macht und Sexualität.

Das Spätwerk untersteht einer ethischen Wende. In „L’usage des plaisirs“ (1984), dem zweiten Band der „Histoire de la sexualité“ beschäftigt sich F. mit Selbstbeziehungen, i.e. den Beziehungen des Subjekts zu sich selbst. In einer Rückkehr zur Antike sucht F. nach Möglichkeiten für eine eigenständige Formierung des Lebens. F. entwirft als Gegensatz zu einer Universalethik eine Ästhetik der Existenz, die in aktiver Mäßigung und Selbstherrschung zu finden ist. 1984 stirbt F. in Paris an Aids.

 

Bibliographie /(Auswahl)

Werke von Michel Foucault:
- Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft, Frankfurt a. M. 1973.
- Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt a. M. 1969.
- Die Archäologie des Wissens. Frankfurt a.M. 1973.
- Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt a. M: 1976.
- Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit 1. Frankfurt a. M. 1977.
- Der Gebrauch der Lüste. Sexualität und Wahrheit 2. Frankfurt a. M: 1986.

Eribon, Didier: Michel Foucault, Paris 1989 (dt. 1993)
Fink-Eitel, H.: Foucault zur Einführung. Hamburg 1989
Kögler, H.H.: Michel Foucault. Stuttgart, Weimar 1994

(C.F.)