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Umberto Eco

* 5. Januar 1932 in Alessandria/ Italien 

italienischer Semiotiker, Kulturtheoretiker, Kolumnist und Schriftsteller

 

1948/50 – 1954 Studium der Philosophie und Literaturgeschichte; Dissertation zur Ästhetik bei Thomas von Aquin

1954 – 1959 Kulturredakteur beim Fernsehsender RAI

1959 – 1975 Sachbuchlektor im Verlag Bompiani

ab 1963 Dozent für Ästhetik und visuelle Kommunikation in Mailand Florenz und Bologna

seit 1971 Professor für Semiotik an der Universität Bologna

zahlreiche Gastprofessuren, Inhaber von 33 Ehrendoktortiteln

 

Mit seiner Dissertation zu Thomas von Aquin sowie „Das offene Kunstwerk“ (1962) veröffentlicht Eco die ersten Arbeiten zu Ästhetik sowie Struktur und Interpretation literarischer Texte. Eco formuliert für Literatur eine Offenheit ersten und zweiten Grades. Die Offenheit ersten Grades ist ein grundsätzliches Merkmal jeden Textes, da verschiedene Interpretationen bei jedem literarischen Werk möglich sind. Offenheit zweiten Grades ist in Bezug auf moderne und postmoderne Texte konzeptioniert, die in ihrer Struktur die Möglichkeit verschiedener (sich auch ausschließender) Interpretationen thematisieren. In der Offenheit des Kunstwerks ist bereits die aktive Partizipation des Lesers einbezogen. Eco formuliert die Mechanismen der Ästhetik auf Basis semiotischer Prozesse. Die ästhetischen Zeichen haben folgende Merkmale:

  1.  Über- oder Unbestimmtheit der Zeichen. Ganz grundlegend ist jedes Zeichen unbestimmt und erfordert eine Interpretationsleistung durch den Leser. Dies gilt für alle Zeichen, wird aber bei poetischen Texten umso deutlicher. Desweiteren kann durch Signifikationsprozesse der Redundanz und der Übercodierung eine Überbestimmtheit des Zeichens auftreten. D. h., keine Interpretationsleistung wird zu einem einzig gültigen Ergebnis kommen. Der gern als Beispiel genommene Satz von Gertrude Stein „a rose is a rose is a rose is a rose“ zeigt, wie durch Wiederholung die gängige Signifikanz (Bedeutungszuordnung) in Frage gestellt wird, ohne dass sich diese Frage auflösen ließe. Ferner verweist diese Phrase durch die Redundanz autoreflexiv auf seine eigene Oberflächenbeschaffenheit (Struktur des Signifikanten).
  2. Abweichung von Normen. Über- und unbestimmte Zeichen weichen von der gängigen, alltäglichen Norm der Zeichenverwendung ab. Es ist ein Spiel mit den Konventionen, das hier stattfindet.
  3. Idiolekt. Bei diesem Spiel werden eigene Regeln der Codierung und Ordnungen der Zeichenverwendung konstituiert. Der Text bekommt seinen individuellen Code und mithin seinen Idiolekt.

Eco hat diese Ausführungen immer wieder aufgegriffen und in „Semiotik. Entwurf einer Theorie der Zeichen“ (1975) spezifiziert.

 

Eco hat seine Zeichentheorie in „Einführung in die Semiotik“ (1968), „Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte“ (1972) sowie umfassend in „Semiotik. Entwurf einer Theorie der Zeichen“ (1975) formuliert. Sie basiert im Wesentlichen auf den Arbeiten von Ferdinand de Saussure, Louis Hjelmslev und Charles Sanders Peirce und ist eine Kulturtheorie, die ein zeichentheoretisches Fundament hat.

Seine Semiotik behandelt das Zeichen als Funktion zwischen Signifikat und Signifikant, wobei der Kode im je aktuellen Gebrauch die Regeln für die Korrelation der Zeichenfunktion bereitstellt. Die Zeichenfunktion ist in der Semiotik allgemein für alles Zeichenhafte gültig, d. h. nicht nur für natürliche Sprachen. Mit diesem weiten Begriff (gegenüber dem Gegenstandsbereich der Linguistik) lassen sich auch andere kulturelle Phänomene semiotisch beschreiben.

Das einzelne Zeichen enthält eine Vielzahl an Elementen, die im Signifikationsprozess relevant sind. Das kleinste Element ist das Sem. Ein Zeichen besteht aus mehreren Semen, die zusammen ein Semem sind. Ein Sem ist ein Teil der Gesamtbedeutung. Für /Fluss/ zum Beispiel gibt es die Seme [+flüssig] und [+natürlich], im Gegensatz zu /Kanal/ mit [+flüssig] und [-natürlich]. Jedes Zeichen hat eine denotative Bedeutungsebene – es gibt eine direkte Korrelation zwischen dem Signifikat und dem Signifikant. Häufig hat ein Zeichen auch eine konnotoative Bedeutungsebene.

Eco definiert dieses so, dass das Signifikat auf ein weiteres Zeichen verweist und diese Verweisstruktur eine relativ feste Verbindung ist. Das einzelne Zeichen enthält desweiteren Hinweise auf / Beschränkungen dazu, in welchem Kontext es sinnvoll verwendet werden kann (vgl. Theory of Signs, S. 37).

Das Zeichen, oder genauer, das Signifikat ist eine kulturelle Einheit. Das Wort „Literatur“ zum Beispiel bezeichnete bis in die Frühe Neuzeit als „litteratura“ sämtliche gelehrten Schriften, während es mit Beginn der Aufklärung und bis in die heutige Zeit als künstlerischer Text verstanden wird. Hier wird der soziale Aspekt von Sprache deutlich, deren Wortbedeutungen kulturellen Konventionen unterliegen.

Ein wichtiger Begriff ist der des Interpretanten, der der theoretische Ausgangspunkt für die Formulierung der unbegrenzten Semiose ist. Der Interpretant (nicht zu erwechseln mit dem Interpreten) ist ein weiteres Zeichen, das die „Gültigkeit des Zeichens garantiert“ (Semiotik, S. 101).   Eco formuliert dies folgendermaßen: „Am zweckmäßigsten ist es indessen wohl, wenn man den Interpretanten als eine weitere Vorstellung auffaßt, die sich auf denselben >Gegenstand< bezieht.“ (Semiotik, S. 102) Interpretanten sind diejenigen sprachlichen Zeichen, die das Signifikat eines Textes paraphrasieren. Dabei aber werden Zeichen gebraucht, die eigenständige Bedeutungsgehalte haben, die wiederum einen Interpretanten benötigen usw. Hiermit beginnt die unbegrenzte Semiose. Sie führt zu einem semiotischen System, das sukzessive verschiedene Zeichen durchläuft und sich aber paradoxerweise dabei gegenseitig erklärt.

 

Ab Ende der 1970er fokussiert Eco die theoretischen Arbeiten auf seine Lesertheorie, die auch als eine pragmatische Texttheorie verstanden werden kann (vgl. den seinem Aufsatz „The Theory of Signs and the Role of the Reader“ von 1981). Die wesentlichen Aspekte der Theorie finden sich in „Lector in Fabula“ (1979) sowie „Die Grenzen der Interpretation“ (1990), wobei Eco in einer Vielzahl von Aufsätzen und weiteren Büchern seine Ansichten dargelegt hat.

Für die Lektüre gelten zwei Grundsätze. Der eine besagt, dass jeder Text erst durch die Interaktion eines Lesers vollgültig entsteht, dass es also einen „Lector in fabula“ braucht, um eine Geschichte entstehen zu lassen. Der zweite Grundsatz lautet in Abgrenzung von den Theorien einer unbegrenzten Semiose, dass Interpretieren bestimmten Regeln zu folgen hat, die die „Grenzen der Interpretation“ darstellen.

In jedem Text (auch einer ganz praktischen Bedienungsanleitung) gibt es Leerstellen, d. h. Bedeutungsteile, die erst durch den Leser hinzugefügt werden. Dieses Auffüllen mit Informationen nennt Eco in Anlehnung an Peirce ‚Abduktion’ und meint damit eine  Thesenbildung, die nicht den Zwängen der rationalen Struktur unterliegt. Erst durch diesen Prozess entsteht ein vollständiger Text. Das Füllen der Leerstellen ist nicht beliebig. Sie müssen so gefüllt werden, dass dem Text ein Sinn entnommen werden kann (und wenn es der ist, dass er von Sinnlosigkeit handelt). Dies wird zu einem komplexen Unterfangen, da wir den meisten Texten mehrere Sinnebenen zubilligen.

Die Herkunft dieser Informationen kategorisiert Eco in Kontext, Kotext und Circostanza. Der Kontext meint alle potenziell denkbaren, semantischen Zuschreibungen denotativer und konnotativer Art zu einem Wort oder Textteil. Der Kotext bezieht sich auf den konkreten Text und die Informationen, die „rund um“ den betreffenden Textteil zu finden sind. Der Kotext bezeichnet ferner formale Aspekte der Erzählung. Circostanza bezeichnet extratextuelle Determinationen, d. h. das Weltwissen, dass der Leser mit in die Lektüre einbringt. Die Interpretationen sind somit nicht beliebig. Sowohl ein einzelnes Zeichen als auch ein Text können eventuell vieles bedeuten. Aber sie bedeuten nichts beliebiges.

Durch den Mechanismus der Abduktion (Thesenbildung) entstehen stets und ständig mögliche Welten. Der Leser konstruiert dabei in jedem Moment des Leseaktes eine mögliche Welt der Geschichte, die mit jeder neuen Informationen, die das Lesen hervorbringt, abgeglichen und wenn nötig verändert wird. Eine mögliche Welt kann mehreres sein: 1) eine Hypothese des Lesers, 2) eine von mehreren Weltsichten, die zum Beispiel eine Figur in einer Erzählung vertritt oder 3) das Erzähluniversum des Textes. Letzteres unterscheidet Eco wiederum in a) mögliche und wahrscheinliche Welten (Texte, deren Lebenswelt unserer Realität entsprichen bzw. auf ihr basieren), b) mögliche, aber unwahrscheinliche Welten (Science-Fiction bzw. Fantasy-Welten) und c) mondi inconcepibili (Texte, deren Erzählungen Widersprüche im Vergleich zu unserer Lebenwelt aufweisen. Diese Erzählungen funktionieren nicht nach den gewohnten Logiken. David Lynchs „Mulholland Drive“ ist ein Beispiel für solch anti-lineares Erzählen).

Text und Leser begegnen sich, indem sie während der Thesenbildung des Lesers jeweils Modell-Leser und Modell-Autoren konzipieren.

Eco entwirft auf Seiten des Lesers weitere Taxonomien. Zunächst kann ein Text gebraucht oder interpretiert werden. Beim Gebrauch wird der Inhalt für einen bestimmten Zweck außerhalb der Textdimension eingesetzt. Wer zum Beispiel über einen literarischen Text Aufschluss über die Weltsicht eines Schriftstellers erlangen möchte, gebraucht dessen literarische Texte. Geht es um das Textverständnis, findet eine interpretatorische Leistung des Lesers statt. Der Leser kann dabei ‚naiv’ oder ‚kritisch’ sein. Der naive (oder auch semantische) Leser lässt sich auf die Geschichte ein, während der kritische Leser die Mechanismen der Erzählung analysiert.

 

Theoretische Texte von Umberto Eco:

1956 Il problema estetico in San Tommaso (Dissertation)

1962  Opera aperta (dt.: Das offene Kunstwerk, Frankfurt/M. 1973)

 1968 La struttura assente (dt. Einführung in die Semiotik, München 1972)

1973 Segno (dt.: Zeichen. Einführung in einen Begriff und seine Geschichte, Frankfurt/M. 1977)

1975 Trattato di semiotica generale (dt.: Semiotik. Entwurf einer Theorie der Zeichen, nach der englischen Ausgabe A Theory of Semiotics, 1976, München 1987, 2. korrig. Aufl. 1991)

1979 Lector in fabula. La cooperazione interpretativa nei testi narrativi (dt.: Lector in fabula. Die Mitarbeit der Interpretation in erzählenden Texten, München 1987)

1984 Semiotica e filosofia del linguaggio (dt.: Semiotik und Philosophie der Sprache, München 1985)

1990 I limiti dell'interpretazione (dt.: Die Grenzen der Interpretation, München 1992)

1994 Sei passegiate nei boschi narrativi. Norton Lectures (dt.: Im Wald der Fiktionen. Sechs Streifzüge durch die Literatur. Harvard-Vorlesungen, München 1994)

1997 Kant e l´ornitorinco (dt.: Kant und das Schnabeltier, München 2000)

1998 Tra menzogna e ironia (dt.: Lüge und Ironie. Vier Lesarten zwischen Klassik und Comic, München 1999)

2002 Sulla letteratura (dt.: Die Bücher und das Paradies. Über Literatur, München 2003)

2003 Dire quasi la stessa cosa. Esperienze di traduzione (dt.: Quasi dasselbe mit anderen Worten. Über das Übersetzen, München 2006)

 

Weitere Quellen:

Umberto Eco: The Theory of Signs and the Role of the Reader. In: The Bulletin of the Midwest Modern Language Association 14, H. 1 (1981), S. 35-45.

Tom Kindt/ Hans-Harald Müller (Hgg.): Ecos Echo. Das werk Umberto Ecos: Dimensionen, Rezeptionen, Kritiken. München 2000.

http://www.eco-online.de

 

(K.K.)